Vesper Martini ohne Kina Lillet: Wie würde James Bond seinen Cocktail heute trinken?

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Einen gediegenen Vesper Martini trinken wie einst James Bond in „Casino Royal“? Das ist gar nicht möglich! Eine wichtige Zutat gibt es schlicht nicht mehr: Kina Lillet. Aber nicht verzweifeln. Es gibt Alternativen zu Kina Lillet, die mit Gin und Wodka geschüttelt einen wunderbaren Drink a là 007 ergeben. Ich habe mich durchgetestet.

Gin, Wodka und Kina Lillet! Kapiert?

„Drei Maß Gordon‘s, ein Maß Wodka und ein halbes Maß Kina Lillet. Sehr gut schütteln, bis es eiskalt ist. Dann ein langes dünnes Stück Zitronenschale dazugeben. Kapiert?“ Mit diesem Rezept schickt James Bond den Kellner an die Theke. Der Drink sorgt nach der Bestellung für ordentlich Gesprächsstoff am Roulettetisch. Später gibt Bond dieser Abwandlung eines trockenen Martinis den Namen „Vesper“. Namenspatin ist die Doppelagentin Vesper Lynd, die er vorher sogar im Erlaubnis bittet: „Kann ich mir den Namen ausleihen?“, fragt 007 das erste Bond-Girl der Geschichte.

Das alles passiert in Ian Flemmings erstem James-Bond-Roman „Casino Royal“ von 1953 (und in leicht abgewandelter Form nochmal 2006 im gleichnamigen Bond-Film mit Daniel Craig). Flemming hat das Rezept seinem Meisterspion in den Mund gelegt und damit weltberühmt gemacht. Erfunden hat den Drink aber wohl Ivar Bryce, ein Freund von Flemming.

Originalrezept laut Flemming/Bond

  • 6 cl Gin
  • 1 cl Wodka
  • 0,5 cl Kina Lillet(-Alternative)

Modernes Rezept laut Bartenders Association (IBA)

  • 4,5 cl Gin
  • 1,5 cl Wodka
  • 0,75 cl Kina Lillet(-Alternative)

Mein favorisiertes Rezept

  • 4,5 cl Gin
  • 1,5 cl Wodka
  • 1,5 cl Kina Lillet(-Alternative)

Zubereitung: Alle Zutaten mit Eis shaken und ohne Eis in ein Martini-Glas oder eine Cocktailschale doppelt abseihen. Mit einer Zitronenzeste garnieren.

Der Vesper Martini wird geschüttelt nicht gerührt

Dass James Bond seine Martinis gerne geschüttelt statt gerührt trinkt, ist bekannt und sein gutes Recht. Viele Bartender und Cocktail-Liebhaber schüttelt es allerdings selbst alleine bei dem Gedanken. Denn die goldene Regel besagt: Klare Cocktails, die nur aus alkoholischen Zutaten bestehen, werden gerührt – nicht geschüttelt. Das gilt auch und gerade für den Martini und fast alle Varianten. Es soll verhindern, dass der Drink trüb wird und zu stark verwässert.

Aber ganz ehrlich: Ich finde die geschüttelte Variante des Vesper Martinis super. Er bekommt durch die zusätzliche Lüftung eine Fluffigkeit, die ich sehr mag. Was die Verwässerung angeht: Einfach sehr kurz und sehr kräftig schütteln, dann geht das. Ich bin da also ganz auf der Seite von 007. Gerührt geht aber auch bestens ;-)

Die richtigen Zutaten für einen Vesper

Wie dem auch sei: Wer heute einen originalgetreuen Vesper mixen möchte, hat zwei sehr kleine und ein etwas größeres Problem:

  1. Gordon’s Gin wird inzwischen längst nach einer anderen Rezeptur hergestellt als in den 50er-Jahren. Damals war er mit 47,2 Prozent Alkohol deutlich kräftiger, heute bekommt man ihn hierzulande mit gerade einmal 37,5 Prozent. Als Alternative empfehle ich daher den Tanqueray No. Ten*, einen klassischen Wacholder-lastigen Gin mit 47,3 Prozent Alkohol.
  2. James Bond bevorzugt im Roman einen „vodka made with grain instead of potatoes“, also einen Wodka aus Getreide und nicht aus Kartoffeln. Auch hier gehe ich mal davon aus, dass es etwas mehr Umdrehungen sein dürfen. Meine Wahl: Der Absolut 100* aus 100 Prozent Weizen und mit 50 Prozent Alkohol.
  3. Kina Lillet wird seit 1986 nicht mehr produziert und wurde durch Lillet Blanc ersetzt. Das Original war ein verstärkter und mit verschiedenen Kräutern aromatisierter Wein aus Frankreich – ähnlich einem Wermut. Wegen des verwendeten Chinins aus der Rinde des Chinarindenbaums (Cinchona), wie sie auch im Tonic Water zum Einsatz kommt, war er relativ bitter. Der offizielle Nachfolger ist dagegen ein eher lieblicher Wein-Aperitif, den man in jedem Supermarkt bekommt und der gerne als Spritz mit verschiedenen Limos getrunken wird. Obwohl die International Bartenders Association (IBA), die den Vesper in ihre offizielle Cocktail-Liste aufgenommen hat, Lillet Blanc als Zutat empfiehlt, glaube ich nicht, dass das im Sinne des Erfinders war. Freilich sage ich das, ohne den Kina Lillet zu kennen. Wenn man auf dem Sammlermarkt tatsächlich noch eine Flasche aus den 80er-Jahren ergattern kann, ist sie zum einen unverschämt teuer und zum andern stellt sich die Frage, ob der Inhalt überhaupt noch genießbar ist.

Das sind die Alternativen für Kina Lillet

Aber es gibt ein paar Kina-Lillet-Alternativen, die (teils gezielt) dem Original von damals sehr ähnlich sein sollen. Es handelt sich hier ebenfalls um so genannte Quinquinas oder Kinas. Das sind einfach ausgedrückt Wermuts, die den Fokus auf die bittere Chinarinde setzen. Vier dieser Alternativen, die immer wieder gerne für den Vesper empfohlen werden, habe ich getestet. Ich habe dabei nur versucht herauszufinden, welcher mir besser schmeckt. Ob die aktuellen Alternativen dem Original ähneln, kann ich nämlich leider nicht sagen – wie oben erklärt.

Kina l’Aero d’Or (18% Vol.)

Die schweizerische Oliver Matter AG produziert seit 2012 für den US-Importeuer und -Hersteller Tempus Fugit Spirits den Kina l’Aero d’Or (der hieß übrigens zuerst Kina l’Avion d’Or, musste aber aus rechtlichen Gründen umbenannt werden). Ganz gezielt will man damit einen aromatischen Nachfolger für den „verlorenen“ Kina Lillet anbieten. Weißwein aus der Cortese-Traube aus dem Piemont bildet die Basis, dazu kommen Chinarinde, Orangenschale, Wermutkraut und weitere Zutaten.

  • Geruch: Anklänge von Campari, Orange, Karamell, leichte Sojasoßen-Note, eher würzig als fruchtig
  • Geschmack: Assoziation von Campari noch stärker, Bitterschokolade, fast so dickflüssig wie Likör, Honigwaffeln, Kräuter (ohne es genau definieren zu können)
  • Bitterkeit: 5/5
  • Im Vesper: Die Mischung aus der Süße und der starken Bitterkeit des Kina l’Aero d’Or finde ich auch im Vesper sehr gelungen, beides kommt gut raus. Das verleiht dem Vesper eine schöne Tiefe, die der Gin- Wodka-Mischung richtig gut tut.

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Caperitif Kaapse Dief (18,5% Vol.)

In Südafrika gibt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Wermut namens Caperitif, der in einigen klassischen Cocktail-Büchern tatsächlich explizit als Zutat erwähnt wird – darunter etwa Harry Craddocks „The Savoy Cocktail Book“ von 1930. Rund 30 Jahre später geht es aber zu Ende mit dem Caperitif. Die Bierproduktion ist jetzt angesagt, für Wermut haben die Leute in Südafrika wohl nicht mehr allzu viel übrig. Vor einigen Jahren tun sich allerdings der dänische Barkeeper Erik Lyndgaard Schmidt und der südafrikanische Winzer Adi Badenhorst zusammen, um Caperitif wiederzubeleben. Basis ist ein Weißwein der Rebsorte Chenin Blanc, die mit Chinarinde und weiteren 35 hiesiger Botanicals versetzt wird (darunter Grapefruit, Rooibos, Räucherwermut und die Blüten des so genannten Konfettibuschs).

  • Geruch: Roter Traubensaft, Trockenpflaume, leichte Pfeffer- und Muskatnote, Gemüsebrühe, ausgeglichene Mischung aus Fruchtigkeit und Würzigkeit
  • Geschmack: Gemüsebrühe, Traubensaft, Bitterorangen, Muskat, auch hier ein fruchtig-würziger Mix
  • Bitterkeit: 4/5
  • Im Vesper: Der Caperitif sticht von allen Testkandidaten am deutlichsten heraus. Ich bin aber unsicher, ob mir dieses Gemüsebrühen-Aroma zusagt. Es sind nämlich vor allem die würzigen Noten, die im Vesper rauskommen. Das ist mir an manchen Tagen vielleicht ein Hauch zu viel Würzigkeit, es fehlt etwas mehr Süße.
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L.N. Mattei Cap Corse Grande Réserve Blanc (17% Vol.)

Der L.N. Mattei Cap Corse Grande Réserve Quinquina Blanc – oder kurz Cap Mattei Blanc – gibt es bereits sehr lange. Er geht zurück auf den Korsen Louis Napoléon Mattei, der ab 1872 als Weinhändler in Bastia arbeitet und dort das Rezept für seinen Quinquina erfindet: Der Likörwein Mistella bildet die Basis. Chinarinde, Zitronen und weitere lokale Zutaten kommen dazu. Cap Corse heißt übrigens die Halbinsel Korsikas, auf der Bastia liegt.

  • Geruch: dominante Kräuternote, gekochte grüne Bohnen, Laub und Gras, Holunder, ein Hauch Menthol
  • Geschmack: im Mund viel weniger Kräuter, leichtere Aromen mit einer filigranen Süße, Holunder, Honig, immer noch grüne Bohnen
  • Bitterkeit: 3/5
  • Im Vesper: Die Noten von grünen Bohnen und Laub kann ich deutlich herausschmecken, das muss man schon mögen. Wie beim Caperitif stehen also auch hier die würzigen Aromen im Vordergrund, das war schon nach der Purverkostung zu erwarten. Ich finde das zumindest ganz interessant.

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Cocchi Americano Bianco (16,5% Vol.)

Aus der italienischen Stadt Asti im Piemont kommt der Cocchi Americano Bianco. Er wird dort seit 1891 nach angeblich der immer gleichen Rezeptur hergestellt. Die stammt von einem gewissen und namensgebenden Giulio Cocchi, der dafür Chinarinde, Wermutkraut, Enzian, Bitterorange und weiteren Zutaten nutzt. Basis ist ein Weißwein aus der Gegend, nähere Infos zu letzterem habe ich leider nicht gefunden.

  • Geruch: deutliches Weißweinaroma, Apfel und süße Birne, Honig, sehr lieblich
  • Geschmack: süßer Weißwein, Orangenmarmelade, Vanille, Traubensaft, wieder sehr lieblich
  • Bitterkeit: 1/5
  • Im Vesper: Wer einen lieblichen Vesper mit einem ordentlichen Weißweineinschlag bevorzugt, ist mit dem Cocchi Americano Bianco gut bedient. Mir ist das Ganze ehrlich gesagt zu süß und „weinig“. Aber: Es schmeckt nicht klebrig oder sprittig. Es ist eine angenehme Süße.

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Lillet Blanc (17% Vol.)

Die Brüder Raymond und Paul Lillet gründen 1872 im französischen Podensac das Unternehmen Maison Lillet und erfinden 1887 den Kina Lillet, den es heute eben nicht mehr gibt. James Bond ist fassungslos (nehme ich an), als der Kina Lillet 1986 durch den Lillet Blanc ersetzt wird, der viel lieblicher schmeckt. Nach einer erneuten Änderung der Rezeptur soll er heute sogar noch leichter und fruchtiger schmecken als Ende der 80er-Jahre. Weißwein aus der Gegend um Bordeaux bildet die Grundlage, dieser wird mit Früchten und Gewürzen – unter anderem Chinarinde – aromatisiert. Vor der Abfüllung lagert er eine kurze Zeit in Eichenfässern.

  • Geruch: bunter Puffreis, kandierter Apfel, Pfirsich, leichte Weißweinnote, sehr süß
  • Geschmack: hat was von Orangenlimo, Weinaroma kommt gut raus, insgesamt aber zuckersüß
  • Bitterkeit: 0/5
  • Im Vesper: Der Lillet Blanc liefert von allen Testkandidaten die schlechteste Performance ab. Das gesamte Aroma ist flach. Wenn überhaupt, ist nur eine leicht künstliche Süße zu schmecken, flankiert von einer Weinnote, die mich an eine hastig zusammengekippte Bowle erinnert. Die IBA sollte mal ihr Rezept überdenken.

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Fazit: Drei Empfehlungen, zwei Enttäuschungen

Lillet Blanc und Cocchi Americano Bianco haben mich nicht überzeugt – weder pur noch im Vesper. Beide erinnern mich zu sehr an lieblichen Weißwein, sie haben zu wenig Bitterkeit und zu wenig Würzigkeit. Der Lillet ist dabei noch mal eine Stufe unter dem Cocchi, weil er noch sogar noch süßer ist. Aber generell kommen beide für mich persönlich nicht in Frage. Die drei anderen Quinquinas – Kina l’Aero d’Or, Caperitif Kaapse Dief und L.N. Mattei Cap Corse Grande Réserve Blanc – gefallen mir auf ihre Weise gut. Ganz am Ende ist es aber der Kina l’Aero d’Or, der mich am ehesten überzeugt: Die Mischung aus (etwas dickflüssiger) Süße, Würzigkeit und starker Bitterkeit finde ich optimal.

2 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel. Eine kleine Anmerkung zum Gordon’s Gin. Üblicherweise erhält man hierzulande, wie Du schon schreibst, die Version mit 37,5 Prozent. Diverse Online-Händler führen aber auch eine Variante mit 47,3 % und die ist deutlich besser als die andere. Wobei der Tanqueray TEN sicher eine adäquate Wahl ist.

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