Über Cocktails: Das kleine Durcheinander in einem großartigen Buch

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Über Cocktails Rezension

Was ist dieses Buch überhaupt? Eine Sammlung grandioser Cocktail-Rezepte, eine Anleitung für angehende Bartender oder eine Biografie über einen der einflussreichsten Menschen der modernen Barszene? Das Buch kann sich nicht entscheiden – und das muss es auch nicht.

Ein gewöhnliches Buch mit Cocktail-Rezepten ist „Über Cocktails“ wirklich nicht. Es ist eine Mischung aus Cocktails-Rezepten, Ratgebern und biografischen Notizen. Notizen über Sasha Petraske, der als Autor auf dem Cover steht, der aber 2015 überraschend und viel zu früh gestorben ist und deswegen sein Werk nicht vollenden konnte. Das haben seine Frau Georgette Moger-Petraske und ehemalige Kollegen und Freunde übernommen.

Vorbild für viele andere Cocktail-Bars

Sasha Petraske gründete im Jahr 2000 das „Milk & Honey“ in New York und macht es mit seinem Stil zu einem der prägendsten Cocktails-Bars – ja man kann es sagen – weltweit. Sein Stil bestand aus Eleganz, Minimalismus, Aufmerksamkeit, Etikette, Bescheidenheit und Liebe zum Detail – man könnte geradezu von Besessenheit sprechen. Die Zufriedenheit des Gastes und die Qualität der Drinks standen für Sasha kompromisslos im Vordergrund. Ja ich weiß, das klingt nach lahmem PR-Geschwafel, das jede neue Bar für sich reklamiert. Aber wer das Buch und die vielen kurzen sowie längeren Anekdoten seiner Weggefährten, seiner Freunde und Kollegen liest, merkt, dass es keine leeren Worte sind.

Jedes der über 150 Rezepte wird von einer dieser Anekdoten begleitet. Darin erläutern die Mitautoren, wie es zu der Idee für diesen Cocktail kam oder sie erzählen einfach eine kurze mal witzige, mal nachdenkliche Geschichte aus der gemeinsamen Vergangenheit mit Sasha. Diese Kombination macht das Buch so lesenswert. Ich hab es nicht einfach zwischen Tür und Angel durchgeblättert, wie ich es vielleicht mit anderen Rezeptsammlungen mache, sondern habe es tatsächlich Seite für Seite gelesen.

Hommage an Sasha Petraske

Manche der Geschichten über Sasha stellen ihn vielleicht in einer etwas idealisierten Form dar, sind der netten Worte vielleicht bisschen zu viel. Aber das Buch ist eine Hommage an den Verstorbenen und als solche geht das für mich völlig in Ordnung. Zudem muss man einfach zugeben: Viele der Cocktails-Bars, die wir heute auch in Deutschland sehen, haben sich an Sashas Stil ein Vorbild genommen: Gedimmtes Licht, leise Fahrstuhlmusik, klassisches Ambiente, Cocktails mit Raffinesse und Bartleute mit Kreativität. So sahen Bars und Cocktails Anfang der 2000er nicht unbedingt aus. Der Boom der klassischen Barszene – angelehnt an die USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts – ist zum großen Teil auch der Verdienst von Sasha Petraske.

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Rezepte für alte und neue Klassiker

Aber zurück zum Inhalt: Bei den vorgestellten Cocktails handelt es sich in erster Linie um klassische Vertreter mit einem großen Anteil alkoholischer Zutaten und nur gezielt eingesetzten Säften und Sirups. Das Buch ist eher nichts für die Liebhaber von Tequila Sunrise, Sex on the Beach oder Piña Colada. Freunde der Manhattans, Martinis, Daiquiris, Old Fashioneds und Sours dieser Welt werden dagegen voll auf ihre Kosten kommen. Zudem: Die Zutaten sind entweder sehr leicht selber herzustellen (Rezepte für verschiedene Sirups etc. findet man auf den vorderen Seiten) oder recht einfach im Laden zu finden. Niemand muss zuerst den superteuren, weil superseltenen Cachaça XY und Bourbon YZ in Übersee bestellen oder erst Zedernholz-Bitter, Estragon-Geist und Lapsang-Souchong-Rauchteesirup herstellen. Nachmixen ist als machbar.

Pro Doppelseite gibt es ein Rezept, dabei schmückt die linke Seite eine Abbildung des Cocktails. Aber: Es handelt sich nicht um eine Foto – wie das sonst in Büchern dieser Art der Fall ist –, sondern um eine grafische Darstellung der einzelnen Zutaten im Glas. Diese werden durch Symbole dargestellt, die sich mit Hilfe des Lesezeichens entschlüsseln lassen. Grüne Quadrate stehen etwa für Absinth, zwei senkrechte, braune Striche für Rye Whisky und ein orangefarbener Kreis für eine Orangenscheibe als Garnitur. Die Idee ist sicher originell, praktisch ist sie keineswegs. Ich habe die Grafiken eher als Dekoration, denn als wirkliche Hilfe betrachtet. Wer einfach das Rezept liest, weiß sofort, was in den Drink kommt.

Über Cocktails Rezension

Die Rezepte sind zudem in einzelne Kategorien und damit Kapitel eingeteilt, was natürlich Sinn ergibt. Ich hätte mir allerdings zu Beginn jedes Abschnitts eine kurze Erklärung gewünscht, was denn die Zubereitungsart „Old Fashioned“ oder „Martini und Manhattan“ überhaupt ausmacht. Die kurzen Untertitel „Im Glas zubereitete Cocktails“ oder „Cocktails, gerührt und serviert“ lassen es etwas erahnen. Doch bei dem Kapitel „Fix“ mit dem Untertitel „Cobbler, Swizzles und Peasant-Cocktails“ stehen vielen Lesern sicher die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben.

Teilweise wirr, aber mit viel Charme

Umschlossen wird der Rezeptteil des Buches von Ratgebern zu verschiedenen Themen: Wie gibt man eine Cocktail-Party zu Hause? Was hat es mit der richtigen Garnierung auf sich? Welches Eis nutzt man am besten? Gerade den Artikel zur Party finde ich aber teilweise etwas übertrieben detailliert und sehr aus der Sicht eines Bar-Profis geschrieben. Ich jedenfalls würde eine Cocktails-Party in der Form niemals geben. Das beweist allerdings wiederum Sashas Hang zum Perfektionismus. Nichts soll dem Zufall überlassen werden.

Im hinteren Teil beschäftigen sich Drittautoren mit eher allgemeinen Dingen im Alltag. Ich muss sagen, dass die Texte mich teilweise etwas ratlos zurückgelassen haben, weil ich sie nicht richtig einordnen kann – gerade im Kontext eines Cocktail-Buches. Da gibt es Abhandlungen über Haltung und Etikette, Wohltätigkeit oder Stil – aber auch themenbezogene Kapitel über die Hausbar, Freigetränke-Regelungen für Mitarbeiter sowie Stammgäste einer Bar und dergleichen. Für mich persönlich haben diese Texte wenig Praxisbezug, aber sie waren immerhin interessant zu lesen – und es wird immer wieder eingestreut, wie Sasha zu den genannten Themen stand.

Alles in allem ist die Zusammenstellung des Buches ein bisschen wirr, was aber daran liegen mag, dass der Autor selbst es nicht fertigstellen konnte. Darin liegt aber auch der besondere Charme. Man lernt nicht nur fabelhafte Cocktail-Rezepte, sondern auch etwas über den offensichtlich wunderbaren Menschen dahinter kennen. Ich fand jedenfalls, dass sich die Lektüre gelohnt hat.

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