Deutscher Rye Whiskey: Da können die USA einpacken!

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Deutscher Rye Whiskey

Trumps Strafzölle gegen die EU lassen die US-Whiskey-Preise steigen? Vielleicht! Aber wer Rye Whiskey aus Deutschland kauft, braucht sich darum nicht zu kümmern und bekommt dazu noch einen erstklassigen Ersatz. Ich finde: Sogar besser als das Original!

„Jack Daniel’s wird in Europa zehn Prozent teurer“ titelte das Handelsblatt am 26. Juni. Als Reaktion auf die Strafzölle der USA gegen die EU, hatte Europa seinerseits die Einfuhrzölle auf US-Whiskey erhöht. Deswegen gab der Spirituosenkonzerns Brown-Forman aus Louisville in Kentucky als einer der ersten bekannt, dass die Produkte hierzulande nun teurer werden – darunter die Whiskey-Labels Woodford Reserve und der weltbekannte Jack Daniel’s. Inwieweit das wirklich den Endkunden betrifft und wann im Laden tatsächlich die Preisschildchen ausgetauscht werden? Das weiß keiner so genau. Aber dass importierter Whiskey in den nächsten Jahren nicht mehr deutlich günstiger wird als heute, das dürfte wohl klar sein.

Was für die US-Destillen eine schlechte Nachricht ist, könnte für deutsche Produzenten ein Glücksfall werden. Denn obwohl Rye fast so amerikanisch ist wie Coca Cola und Heinz Ketchup, gibt es in Deutschland einige Brennereien, die ihre eigene Interpretation des US-Whiskeys herstellen. Wer diese kauft, hat mit Importzöllen und dergleichen nichts am Hut – und stärkt auch noch die hiesige Wirtschaft.

Wie gut ist Rye aus Deutschland wirklich?

Einzige Frage: Kann Rye Whiskey aus Deutschland überhaupt mit dem Original aus den Staaten mithalten? Immerhin wird in Übersee schon seit Jahrhunderten aus viel Roggen (mindestens 51 Prozent in der Maische), weniger Mais und noch weniger gemälzter Gerste der Rye Whiskey gebrannt, der mit seinem kräftigen, kernigen Aroma in letzter Zeit wieder viele neue Freunde gewinnen konnte. (Übrigens: Vor der Prohibition war Rye und nicht Bourbon der meistgetrunkene amerikanische Whiskey).

Die Frage wollte ich beantworten und habe mir drei deutsche Rye Whiskeys nach Hause eingeladen. Sie kommen aus der Eifel, aus dem Münsterland und aus dem Spreewald. Beim Tasting habe ich mit einigen sehr bekannten und weniger bekannten Vertretern aus Amerika gegengetestet – mehr dazu weiter unten. Jetzt erstmal zu den einheimischen Roggenbränden:

Stork Club Straight Rye Whiskey

Stork Club Straight Rye Whiskey
Foto: Spreewood Distillers

Wenn es überhaupt einen bekannten Rye Whiskey aus Deutschland gibt, dann ist es derzeit wohl der Stork Club. Er stammt von den Spreewood Destillers aus dem kleinen Ort Schlepzig in Brandenburg – mitten im Spreewald. Aus Brandenburg stammt auch der Roggen, übrigens das einzige Getreide, das hier zum Einsatz kommt. Es handelt sich also um einen Rye aus 100 Prozent Roggen. Er reifte zwischen drei und vier Jahren in ehemaligen Bourbon- sowie Weißwein-Fässern. Abgefüllt wird er ohne Filterung und Färbung mit kräftigen 55 Prozent Alkohol.

Übrigens stammt die aktuelle Abfüllung noch aus den Beständen des vorherigen Inhabers der Brennerei; die neuen – Steffen Lohr, Bastian Heuser und Sebastian Brack – bringen nächstes Jahr ihr erstes eigenes Erzeugnis auf den Markt.

Geruch: Der hohe Alkoholgehalt macht sich schon bemerkbar, besser lässt man das Glas nach dem Einschenken zwei Minuten stehen. Das leicht kernige Aroma verrät mir sofort: Das ist ein Rye. Aber die Würzigkeit hält sich zurück, dafür gibt es dunkle Früchte und frisches Popcorn in der Nase.

Geschmack: Die Süße aus der Nase setzt sich im Mund fort. Rosinen, Bananen, Vollkornbutterkekse und Bitterschokolade kann ich schmecken. Was sich nicht fortsetzt ist die alkoholische Note: Im Mund sind die 55 Prozent nicht so stark zu spüren.

Abgang: Der Nachgeschmack bleibt relativ lange auf der Zunge und lässt ein trockenes Gefühl zurück. Es kommen noch mal frisches Brot und Haferflocken auf. Hier setzt sich dann doch die Würzigkeit durch.

Preis: ca. 45 Euro (0,7 Liter)
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Freimeisterkollektiv Straight Rye Whiskey

Freimeisterkolletiv Straight Rye Whiskey
Foto: Freimeisterkolletiv

Das Freimeisterkollektiv ist ein Zusammenschluss von unabhängigen (Klein-)Brennern, Bartendern und anderen Leuten aus der Branche. Das Sortiment besteht aus den unterschiedlichsten Spirituosen und Cocktailzutaten – darunter ein Rye. Verantwortlich dafür ist die Feinbrennerei Sasse in Schöppingen im westlichen Münsterland. Brenner Rüdiger Sasse nimmt dafür 80 Prozent Roggen und – außergewöhnlich – 20 Prozent Hafer. Der Whisky lagert in Fässern aus amerikanischer Weißeiche, die leicht getostet sind – also von innen verkohlt. Nach frühestens fünf Jahren kommt er mit 48,2 Prozent Alkohol in die Flasche. Dabei werden aber auch Whiskeys mit abgefüllt, die bis zu elf Jahre alt sind.

Geruch: Die typische Roggenwürzigkeit hält sich in der Nase zurück, stattdessen finde ich Vanille, Orange und sogar Minze. Insgesamt ist der Geruch zitruslastig und frisch – ich finde das sehr angenehm.

Geschmack: Auf der Zunge ist das Würzig-Kernige dominanter, ich würde es als Müsli mit Haferflocken, Nüssen und Honig bezeichnen – eine spannende Mischung aus Süße und Würzigkeit.

Abgang: Der Nachklang ist mittellang und zunehmend trocken. Geschmacklich kommen hinten raus nochmal etwas Eiche, frisches Weißbrot und Pfeffer.

Preis: ca. 25 Euro (0,5 Liter)

Eifel Whisky Single Rye

Eifel Whisky Single Rye
Foto: Eifel Whisky

Auch hier hat die Feinbrennerei Sasse die Finger im Spiel, denn der so genannte „New Make“ – also der frisch destillierte Brand – für diesen Rye kommt ebenfalls von dort. Allerdings geschieht dies im Auftrag und unter den Vorgaben von Stephan Mohr, dem Inhaber von Eifel Destillate. Die Getreide- und Malzmischung bringt er selber mit, dafür kooperiert er mit drei Mälzereien – teils aus dem Eifeler Umland. Die Maische für den Single Rye enthält 90 Prozent Roggen und 10 Prozent Gerstenmalz. Nach der Destillation geht’s zum Lager nach Koblenz, wo das Destillat in Fässer gefüllt wird und vor sich hin reift. In diesem Fall sind es neue und wiederbenutzte US-Eichenfässer sowie ehemalige Rotweinfässer – insgesamt für vier Jahre. In die Flasche kommt der Rye mit 50 Prozent Alkohol und das ohne Filtration und Färbung.

Geruch: Schon in der Nase ist der Single Rye unglaublich süß und aromatisch. Er riecht nach Amarenakirsche, kandiertem Apfel, einem Hauch Glühwein, aber auch nach frischem Vollkornbrot – die typische Rye-Note ist also dabei, aber sie hält sich dezent zurück.

Geschmack: Im Mund geht es weiter mit Crème brûlée, Honig, Müsliriegel mit Nuss und jawohl: einem Touch von Single Malt. Ich finde den Eifel Whisky wahnsinnig komplex und vielschichtig, richtig was zum dran schnuppern und riechen für den langen Abend. Die 50 Prozent Alkohol sind wirklich kaum zu spüren.

Abgang: Die kräftigen dunklen Aromen bleiben lange auf der Zunge – ein super Abgang.

Preis: ca. 25 Euro (0,35 Liter)

Deutschland ist Rye-Land

Mir persönlich hat der Single Rye von Eifel Whisky am besten gefallen. Er hat für einen Rye eine außergewöhnliche Komplexität und Aromenvielfalt, etwas ganz Vielschichtiges, an dem man lange herumprobieren kann. Er hat fast etwas von einem Single Malt, wo man ja auch bei jedem Schluck neue Nuancen entdecken kann. Ich bin begeistert.

Nicht viel weniger angetan bin ich von den beiden anderen Abfüllungen. Der Stork Club hat einen ordentlichen Wumms. Ich mixe gerne mit hochwertigen Zutaten, die man durchschmeckt. Und die Abfüllung aus dem Spreewald stellt die optimale Basis für einen Sazerac, Manhattan oder Old Fashioned dar. Und pur im Glas? Ebenfalls jederzeit!

Wer es etwas fruchtig-frischer mag und nicht so sehr auf die dunklen Aromen steht, greift zum Straight Rye vom Freimeisterkollektiv. Der Hafer in der Maische macht diesen Rye zu einem sehr interessanten Whiskey – und wenn ich „interessant“ sage, dann meine ich das ernst (nicht wie Alfred Biolek)! Die 48,2 Prozent sind etwas verträglicher als die 50+ der beiden anderen, aber trotzdem noch hoch genug um pur oder im Cocktail eine gute Figur abzugeben.

Rye aus Amerika ist langweilig – vergleichsweise

In einem kleinen Tasting mussten die drei deutschen Kandidaten gegen drei gestandene Rye Whiskeys aus den USA und einen aus Kanada antreten: Knob Creek, Rittenhouse, Winchester und Lot 40 (Kanada). Alle vier sind typische Vertreter ihrer Art: Klares Getreidearoma, würzig und kräftig. Aber bei allen vier vermisse ich die Besonderheit und die Vielschichtigkeit der deutschen Konkurrenten. Hätte ich es nicht selber probiert, würde ich es nicht glauben. Und ich muss es sagen: Ich finde die vier Übersee-Rye ein wenig langweilig. Wohlgemerkt: Im Vergleich! Alle sind ohne Frage ordentliche Rye Whiskeys. Aber ich würde – und das sage ich aus purer Überzeugung – jederzeit den Stork Club, den Freimeisterkolletiv oder den Eifel Whisky vorziehen. Damit hattet ihr jetzt nicht gerechnet? Hatte ich auch nicht! Aber zugegeben: Preislich sind die Amis attraktiver – zumindest noch …

Rye Whisky aus Amerika

Mein Fazit

Whisk(e)y aus Deutschland wird ja gerne belächelt und oft hört man „die Deutschen sollen‘s mal weiter versuchen, vielleicht klappt es irgendwann“ (und das ist noch die nette Art von Kritik). Aber bei deutschem Rye ist man über dieses Stadium definitiv schon hinaus. Zumindest die drei Abfüllungen, die ich verkostet habe, können dem Original aus Amerika nicht nur locker das Wasser reichen. Nein, ich finde sie sogar deutlich besser. Ich bin positiv überrascht.

Ich danke dem Freimeisterkollektiv, den Spreewood Distillers und Eifel Whisky recht herzlich für die Bereitstellung von gratis Kostproben. Bedingungen an meine Berichterstattung waren damit nicht verbunden. Der Artikel enthält ausschließlich meine eigene ehrliche Meinung zum Thema.

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6 Kommentare

  1. Ich selbst bin ja kein Whisk(e)y-Trinker. Bin zwar seit unserem Schottland-Urlaub immer mal wieder damit in Berührung gekommen, aber für mich ist das nix. Hier in Oberbayern erfreut sich der Slyrs vom Schliersee recht großer Beliebtheit. Allerdings Single Malt und kein Rye … scheint ja ein Unterschied zu sein. Ich kenn‘ mich ja nicht aus. :-)
    LG, Tina

    1. Der Unterschied zwischen Rye und Single Malt ist gewaltig – nicht nur im Geschmack, sondern auch im Aroma. Für mich sind es zwei völlig unterschiedliche Getränke. Einen der ersten Slyrs hatte ich vor laaaaanger Zeit mal im Glas, seitdem aber nicht mehr. Ich müsste meine Erinnerung mal wieder auffrischen, inzwischen gibt es ja auch schon ältere Abfüllungen von dort.

  2. wow – toll gemacht.

    alles ( bis auf den Freimeisterkollektiv Straight Rye Whiskey) habe ich selbst im Glas gehabt.

    Ich werde auch irgendwann einen Blindverkostung machen – aber ich denke (hoffe) das Lot 40 und Pikevilles gut abschneiden werden – aber ich wäre überrauchst wenn Deutschland ganz vorne mitspielt :-)

    DANKE!

    1. Danke Jason :-) Ich hatte mir auch tatsächlich deine Videos zu Stork und Eifel Whiskys vorher angeschaut. Ich weiß ja, dass du großer Fan von Lot 40 bist. Für mich ist das geschmacklich einer DER typischen Ryes überhaupt: sehr würzig, sehr trocken. Den Pikevilles kenn ich gar nicht persönlich. Eine Blindverkostung ist aber eine gute Idee, das fördert dann ja oft die Wahrheit zu Tage ;-) Schöne Grüße, Chris

  3. Die Frage, ob Deutschland Rye, alos Roggenbrand kann, ist eigentlich schon im Denkansatz hinfällig. Guten Kornbrand mit hohem Roggenanteil kann man hier schon seit über 500 Jahren… da wird man das Ergebnis dann wohl auch noch für ein paar Jahre in Fässern liegen lassen können… :D

    1. Hi Jens! Da die Fasslagerung bis zu 70 Prozent des endgültigen Aromas ausmacht, reicht es eben nicht, einfach nur guten Roggenbrand zu destillieren. Die Auswahl der richtigen Fässer (Alter, Vorberfüllung usw.), der Lagerort (feucht, trocken, warm, kalt) und die Lagerzeit sind beim Whisk(e)y enorm wichtig – wie bei so vielen fassgelagerten Spirituosen. Gruß, Chris

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