An Bier, Wein und Sekt ohne Alkohol haben wir uns gewöhnt. Teilweise sind die 0-Prozent-Alternativen sogar richtig lecker. Aber alkoholfreier Gin? Das war auch für mich neu! Schmeckt das gut und lassen sich vielleicht sogar ein vernünftiger Gin Tonic und Cocktails damit mixen?
Dass es jetzt auch Gin ohne Alkohol gibt, kommt nicht gerade überraschend. Der Trend geht zur Alternative ohne Umdrehungen. Ein gutes Beispiel: Bier! Der Konsum von Gerstensaft mit Alkohol geht in Deutschland seit Jahren zurück, alkoholfreies Bier hingegen ist beliebter denn je. Rund 400 verschiedene Marken gibt es bei uns inzwischen, sagt der Deutsche Brauer-Bund. Ich selbst bin ab und zu auch für ein alkoholfreies Bier zu haben. Es schmeckt zwar nicht zu 100 Prozent wie ein echtes, aber ich find’s trotzdem lecker. Alkoholfreien Wein und Sekt sehe ich auch immer öfter in den Supermarktregalen stehen. Dazu kann ich aber nicht viel sagen, habe bisher noch nie davon probiert.
Schmeckt alkoholfreier Gin?
Aber den alkoholfreien Gin wollte ich natürlich unbedingt mal testen – am besten gleich verschiedene Sorten, um einen Vergleich zu haben. Die Auswahl ist aber nicht im Ansatz mit Bier oder Wein vergleichbar. Am Ende habe ich fünf Flaschen geordert, viel mehr habe ich bei meiner Recherche gar nicht gefunden. Aber immerhin! Es handelt sich um den „GinSin Premium 12 Botanics“ aus Spanien, den „Herbie Virgin“ aus Dänemark, den „Seedlip Spice 94“ aus England, den „Siegfried Wonderleaf“ aus Deutschland und einen Gin-Sirup aus der bekannten Barsirup-Reihe von Monin aus Frankreich.
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Einen weiteren alkoholfreien Gin aus England hatte ich ebenfalls noch im Netz gefunden: „Labdanum“ von Surendran & Bownes. Aber er scheint wohl ausverkauft zu sein. Die zweite Abfüllung von Seedlip – den „Garden 108“ – hab ich erstmal weggelassen, weil der Spice 94 angeblich der gin-ähnlicherer sein soll.
Ich habe alle alkoholfreien Gins nicht nur pur, sondern auch gemixt probiert: mit dem Tonic Water von Goldberg, einem sehr klassischen Tonic, sowie als Zutat in einem Gimlet und Gin Fizz. Ich habe mich für zwei Cocktails entschieden, bei denen Gin klassischerweise die einzige Zutat mit Alkohol ist. Sonst müsste ich für die anderen Zutaten ebenfalls Alternativen mit null Prozent finden und das verfälscht das Gesamtergebnis zu stark. Ich will mich hier auf den alkoholfreien Gin konzentrieren. Deswegen Gimlet mit Lime Juice und Gin Fizz mit Zitronensaft und Zuckersirup – wie im Original.
Monin Saveur Gin
Fangen wir mal mit der günstigsten Flasche an: Der Gin-Sirup von Monin kostet rund 7 Euro (0,7 Liter) und lässt sich entweder mit Wasser ordentlich strecken oder man nimmt einfach einen Bruchteil der Menge eines normalen Gins, wenn man etwa einen Gin Tonic mixt. So kommt man mit der 700-ml-Flasche schon recht weit.
Mit der Herstellung eines Gins hat der Sirup wohl kaum etwas zu tun: Wasser, Zucker und Aromen sind die Hauptzutaten, die das Etikett auf der Rückseite verrät. Mit einer echten Wacholderbeere oder anderen Botanicals ist er sicher niemals in Berührung gekommen. Hier wird nix mazeriert und anschließend destilliert – aber das erwarte ich von solch einem Produkt auch nicht.
Purverkostung: Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, dass es sich hier um einen Gin-Sirup handelt. Der extrem würzige Geruch und der leichte scharfe Geschmack erinnern mich eher an Ingwer. In der Nase habe ich außerdem einen Hauch Zitrusreiniger und im Mund eine Spur Lebkuchen und Orangeat. Es geht also ein bisschen in Richtung Weihnachten, aber nicht wirklich in Richtung Wacholder. Auch wenn ich den Sirup mit Wasser verdünne, bleiben die Aromen – nur etwas dünner eben. Dass das Ganze generell sehr süß schmeckt ist, muss ich wohl nicht erwähnen.
GinSin Premium 12 Botanics
Der GinSin Premium kostet 8 Euro pro Flasche (0,7 Liter). Wie es bei echtem Gin gang und gäbe ist, protzt der Hersteller aus Granada auch hier damit, dass man nur die „besten Botanicals“ ausgewählt habe. In diesem Fall seien das Wacholder, Kardamom, Koriander, Orange, Bitterorange, Zitrone, Zimt, Orangenblüte, Veilchen, Hibiskus, Lavendel und Myrte. Dass diese dem GinSin nun tatsächlich ihre Aromen durch Mazeration oder Dampfinfusion verleihen (wie bei einem echten Gin), wage ich mal zu bezweifeln. Bei dem Preis kann ich mir das nicht vorstellen, und unter den Zutaten auf dem Etikett findet man die Angabe „flavours“, also künstliche Aromen. Außerdem gibt der Hersteller Zucker dazu, und dank des Farbstoffs E133 erhält der alkoholfreie Gin einen Blauschimmer. Soll das appetitliche aussehen? Finde ich überhaupt nicht!
Purverkostung: Das „Premium“ in seinem Namen hat der GinSin nicht verdient (aber da befindet er sich in guter Gesellschaft). Er sieht wegen seines Blaustichs nicht nur aus wie Flüssigseife, sondern er riecht auch so. Und wenn ich ehrlich bin: Er schmeckt auch so. Parfümiert, süß, seifig – das fällt mir sofort ein. Dazu ein Hauch Kaugummi, etwas Rosenwasser und im Nachgeschmack leicht bitter. Zum Glück ist der Abgang ziemlich kurz, dann muss man sich hinterher nicht den Mund mit einem echten Gin ausspülen.
GinSin ist übrigens eine Marke der Firma Espadafor, die noch weitere alkoholfreie Ersatzzutaten für die Cocktailbar herstellt – zum Beispiel GinSin Tangerine und Strawberry mit entsprechenden Zusatzaromen und sogar alkoholfreien Whisky, Rum und Wermut.
Herbie Virgin
Das Wortspiel mit „Vir-Gin“ drängt sich geradezu auf, das hat sich wahrscheinlich auch die Firma Herbie Gin aus Dänemark gedacht, die ebenfalls eine ganze Reihe von alkoholhaltigen Gin-Abfüllungen anbietet. Man kennt sich also aus in der Branche. Und deswegen stellen die Dänen ihren alkoholfreien Gin (ca. 23 Euro für 0,7 Liter) tatsächlich durch Mazeration und Destillation des eigenen Brunnenwassers in Kupferbrennblasen her. Extra Zucker lassen sie genauso wie die Farbe ganz weg. Die Flüssigkeit in der hohen, schmalen Flasche sieht schon eher nach Gin aus. Ein paar Konservierungsstoffe sind aber drin. Wenn der Alkohol als Haltbarmacher fehlt, muss man eben zu E202 und Konsorten greifen.
Purverkostung: Wacholder? Fehlanzeige! Die volle Dröhnung Thymian steigt aus dem Glas, als würde ich direkt an einem Bund von diesem Gewürz mit seinem charakteristischen Aroma riechen. Dazu kommen noch viel Rosmarin, Tannennadel und etwas Basilikum. Der Herbie Virgin ist also sehr würzig und trocken in der Nase. Im Mund kommt dann noch eine ordentliche Priese Ingwer und Pfeffer dazu. Im Abgang ist der leicht scharf und bitter – und etwas länger anhaltend. Weil wegen des fehlenden Alkohols auch die Textur fehlt, kann er mit einem echten Gin nicht mithalten. Aber insgesamt lässt er sich viel besser trinken als der GinSin und der Sirup. Er schmeckt weniger künstlich, was vor allem daran liegen könnte, dass sich der Hersteller etwas mehr Mühe mit der Produktion macht.
Seedlip Spice 94
Geschicktes Marketing und inzwischen die Power von Diageo im Rücken, einem der größten Spirituosenkonzerne der Welt, machen Seedlip quasi zum Promi unter den alkoholfreien Gins. Er soll in vielen Bars zum Einsatz kommen – zumindest in London, denn von dort kommt er – und viele Bartender nutzen ihn angeblich immer öfter für alkoholfreie Kreationen.
Durch Kaltmazeration und Destillation kommt auch der Seedlip Spice 94 (ca. 30 Euro für 0,7 Liter) der Herstellung eines echten Gins recht nahe – nur mit Wasser statt Alkohol. Mit zirka 30 Euro für 0,7 Liter ist er aber sehr teuer – streng genommen handelt es sich ja bloß um destilliertes, aromatisiertes Wasser. Als Botanicals haben die Erfinder Piment, Kardamom, Eiche, Zitrone, Grapefruit und Kaskarillrinde ausgewählt. Zucker, Farbstoffe und künstliche Aromen verspricht der Hersteller nicht zuzusetzen – klingt glaubhaft. Es gibt übrigens noch eine zweite Abfüllung von Seedlip: Der Garden 108 wird mit Erbsen, Heu, Minze, Rosmarin und Thymian hergestellt. Würde mich auch noch interessieren. Hat den von euch schon mal jemand probiert?
Purverkostung: Piment und Kardamom sind in der Nase und im Mund ganz klar die dominanten Aromen. Dazu kommen noch Nelken, ein paar frische Zitrus- und trockene Eichennoten sind ebenfalls dabei. Insgesamt riecht und schmeckt der Seedlip Spice 94 sehr stark nach Weihnachten – Lebkuchen, Pfeffernüsse, Glühwein und so weiter.
Siegried Wonderleaf
Aus Bonn kommt nicht nur der bekannte Siegfried Gin, sondern seit einiger Zeit auch eine alkoholfreie Variante: der Wonderleaf. Die Herstellung soll ganz ähnlich ablaufen wie bei einem richtigen Gin – auch hier wird destilliert statt einfach nur Aromastoffe ins Wasser zu kippen. Die Zutatenliste liest sich ähnlich wie die des Seedlip: Kräuter- und Gewürz-Extrakte, Zitronensäure, Kaliumsorbat als Konservierungsmittel und Wasser – kein Zucker oder sowas.
Ich muss sagen, dass beide auch sehr ähnlich schmecken. Welche Botanicals hier zum Einsatz kommen, verrät der Hersteller nicht. Es sollen 18 an der Zahl sein. Aber ich könnte mir vorstellen, dass große Überschneidungen mit dem Seedlip Spice 94 gibt. Ich muss schon sehr konzentriert probieren, um einen Unterschied festzustellen: Den Wonderleaf würde ich als etwas erdiger mit einem leicht bitteren Abgang beschreiben, der Seedlip ist etwas fruchtiger und blumiger. Aber wie gesagt: Beide sind sich sehr sehr ähnlich und haben auch diesen Hauch von Weihnachten an sich.
Purverkostung: Da verweise auf meine Notizen zum Seedlip (s. oben) und ergänze: erdig, holzig und leicht bitter im Abgang.
Alkoholfreier Gin Tonic funktioniert tatsächlich
Für den ersten Mixtest habe ich jeweils 4 cl alkoholfreien Gin bzw. 1 cl Gin-Sirup mit 15 cl Tonic Water gemischt. Die Mischung mit dem Sirup hat mit einem G&T aber überhaupt nichts zu tun. Es schmeckt eher nach Brause, erinnert mich tatsächlich an einen Energy Drink. Die Mischung mit dem GinSin schmeckt überraschend gut – hab ich zuerst gedacht. Dann habe ich aber festgestellt, dass er einfach keine Chance gegen das Tonic Water hat und geschmacklich komplett untergeht. Letztlich hat mir hier also einfach nur das Tonic gut geschmeckt ;-)
Das ist bei den anderen Gins ohne Alkohol komplett anders: Sowohl der Herbie Virgin als auch der Seedlip Spice 94 und der Siegfried Wonderleaf schlagen voll durch. Das heißt: Man bekommt einen Gin Tonic entweder mit einer ordentlichen Packung Thymian, Tanne und Rosmarin oder mit viel Piment, Kardamom und Nelken – den klassischen Weihnachtsaromen. Das muss man mögen, ich bevorzuge den Herbie Virgin. Letztlich Geschmackssache.

Unterm Strich muss ich zugeben, dass mich die alkoholfreien Gin Tonics mit Herbie, Seedlip und Wonderleaf positiv überraschen. Nimmt man einen echten Gin mit entsprechenden Aromen schmeckt das nicht anders. Weil die wässrige Konsistenz im Mix mit Tonic egal ist, finde ich schon, dass das Ganze eine ansprechende G&T-Alternative ohne Alkohol ist. Die Mischung mit Sirup und GinSin sind dagegen nicht empfehlenswert.
Cocktails mit alkoholfreiem Cocktail
Etwas anders laufen meine Versuche, einen anständigen Gimlet und Gin Fizz herzustellen. Weil der Anteil an Gin in diesen Rezepten deutlich größer ist als bei einem Gin Tonic, ist dessen Einfluss natürlich viel größer – und das ist auch das Problem. Zum einen fehlt den Drinks die Textur, die der Alkohol in einem echten Gin mitbringt. Zum anderen ist der Geschmack der alkoholfreien Gins zu dominant. Beim Seedlip, Wonderleaf und Virgin geht das noch irgendwie, weil ich die ja auch in der Purverkostung ganz ok fand.
Beim GinSin und dem Sirup (diesen hab ich vorher 1:8 mit Wasser verdünnt) ist das Aroma einfach zu künstlich und viel zu süß. In der Kombination aus fehlender Textur und Gin-Dominanz finde ich aber alle Test-Cocktails nicht besonders gelungen. Vor allem der alkoholfreie Gimlet war bei meinem Versuchen meilenweit weg von einem echten Gimlet. Hier fehlt mir auch ehrlich gesagt die Wacholder-Note, die zu einem Gin irgendwie dazu gehört – und sei es nur in kleiner Dosis. Insgesamt haben die Cocktails eher was von Kräuterlimo.
Gin ohne Alkohol oder destilliertes Wasser mit Aroma?
Zusammengefasst: Pur ist keiner der vorgestellten Abfüllungen ein Gin-Ersatz. Es fehlt vor allem die Textur, den der Alkohol mitbringt. Das ist eben enorm wichtig. Außerdem fehlt bei allen der Wacholder, so ein bisschen was davon hätte ich mir schon gewünscht – auch wenn mittlerweile gefühlt jeder zweite neue Gin im Handel ebenso darauf pfeift. GinSin und das Gin-Sirup von Monin sind ganz unten durch. Die schmecken so süß und künstlich, das geht weder pur noch gemixt. Herbie Virgin, Seedlip Spice 94 und Siegfried Wonderleaf finde ich zumindest im Tonic überraschend gut. Aber im Gimlet und im Gin Fizz fehlt mir vor allem wieder das Mundgefühl. Ohne Alkohol geht’s einfach nicht.
Alkohol ist Geschmacksträger, Alkohol sorgt für ein cremiges Mundgefühl. Einen Gin ohne Alkohol herzustellen, der trotzdem wie ein Gin mit Alkohol schmeckt und sich ebenso anfühlt, ist einfach nicht möglich – zumindest noch nicht. Vielleicht sind wir in zehn Jahren weiter, aber derzeit ist die Lage eher ernüchternd, aber immerhin auch nüchtern.
Es scheint mir sinnvoller, die fünf getesteten Abfüllungen nicht als Gin-Ersatz zu betrachten. Vielmehr sind es einfach Zutaten, die so schmecken wie sie schmecken und die – kombiniert mit anderen Zutaten – einen leckeren Drink ergeben können. Das funktioniert eher. Deswegen würde ich sie nicht als alkoholfreien Gin, auch nicht als alkoholfreien Schnaps betrachten (per Definition sowieso schon unmöglich), sondern eher als aromatisiertes Wasser für die Bar.
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Hans Eo meint
28. November 2018 um 15:49Bei etlichen fehlt Wacholder völlig. Kann ja wohl nicht sein.
Und dem Tester fiel das garnicht auf.
Werde mal im Wald Wacholder ernten und den Saft in das Tonic mischen.
Chris meint
9. Dezember 2018 um 0:29Ich schlage vor, den Artikel noch mal zu lesen, wenn du von der Wacholder-Ernte zurück bist.
Alexandra meint
17. März 2019 um 12:04Wir haben den Wonderleaf zu Hause, weil wir nach einem alkoholfreien Ersatz gesucht haben, wenn wir Feuerwehr-Bereitschaft mit absolutem Alkoholverbot haben. Die erste Verkostung war „naja“, dann ist mir die Idee gekommen, noch ein paar Wachholderbeeren reinzuschmeissen. Ist nun etwas besser, aber immer noch sehr „gewürzlastig“.
Chris meint
17. März 2019 um 13:09Aber gar keine schlechte Idee mit den Wacholderbeeren! Versuch ich auch mal, hab glaub ich noch welche hier :-) Danke.
Andreas Jäger meint
20. Juli 2019 um 10:59Hallo Chris,
die Textur beim Gimlet könntest du „annähernd“ erreichen, wenn du den Gins so zwischen 6 und 10 ml Glycerin pro Flasche zufügst, da musst du probieren. Ich hab das gemacht und damit hinterlässt das „Wasser“ am Glasrand die gleichen Spuren, als sei ein echter Schnaps im Glas. Da Glycerin sehr süss ist, kommt dafür entsprechend weniger Zucker in den Drink.
Grüssl, Andy